Sterben! ich muß lachen über die Gesichter.
Sterben! Was ist das für ein Wort? Sag mir's, Camille. Sterben! Ich
will nachdenken. Da, da ist's. Ich will ihm nachlaufen; komm, süßer
Freund, hilf mir fangen, komm! komm! (Sie läuft weg.)
Camille (ruft).
Lucile! Lucile!
Fünfte Szene
Die Conciergerie
Danton an einem Fenster, was ins nächste Zimmer geht. Camille.
Philippeau. Lacroix. Hérault.
Danton.
Du bist jetzt ruhig, Fabre.
Eine Stimme (von innen).
Am Sterben.
Danton.
Weißt du auch, was wir jetzt machen werden?
Die Stimme.
Nun?
Danton.
Was du dein ganzes Leben hindurch gemacht hast - des vers.
Camille (für sich).
Der Wahnsinn saß hinter ihren Augen. Es sind schon mehr Leute
wahnsinnig geworden, das ist der Lauf der Welt. Was können wir dazu?
Wir waschen unsere Hände -. Es ist auch besser so.
Danton.
Ich lasse alles in einer schrecklichen Verwirrung. Keiner versteht das
Regieren. Es könnte vielleicht noch gehn, wenn ich Robespierre meine
Huren und Couthon meine Waden hinterließe.
Lacroix.
Wir hätten die Freiheit zur Hure gemacht!
Danton.
Was wäre es auch! Die Freiheit und eine Hure sind die
kosmopolitischsten Dinge unter der Sonne. Sie wird sich jetzt
anständig im Ehebett des Advokaten von Arras prostituieren. Aber ich
denke, sie wird die Klytämnestra gegen ihn spielen; ich lasse ihm
keine sechs Monate Frist, ich ziehe ihn mit mir.
Camille (für sich).
Der Himmel verhelf ihr zu einer behaglichen fixen Idee. Die
allgemeinen fixen Ideen, welche man die gesunde Vernunft tauft, sind
unerträglich langweilig. Der glücklichste Mensch war der, welcher sich
einbilden konnte, daß er Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist sei.
Lacroix.
Die Esel werden schreien »Es lebe die Republik«, wenn wir vorbeigehen.
Danton.
Was liegt daran? Die Sündflut der Revolution mag unsere Leichen
absetzen, wo sie will; mit unsern fossilen Knochen wird man noch immer
allen Königen die Schädel einschlagen können.
Hérault.
Ja, wenn sich gerade ein Simson für unsere Kinnbacken findet.
Danton.
Sie sind Kainsbrüder.
Lacroix.
Nichts beweist mehr, daß Robespierre ein Nero ist, als der Umstand,
daß er gegen Camille nie freundlicher war als zwei Tage vor dessen
Verhaftung. Ist es nicht so, Camille?
Camille.
Meinetwegen, was geht das mich an? - (Für sich:) Was sie an dem
Wahnsinn ein reizendes Kind geboren hat! Warum muß ich jetzt fort? Wir
hätten zusammen mit ihm gelacht, es gewiegt und geküßt.
Danton.
Wenn einmal die Geschichte ihre Grüfte öffnet, kann der Despotismus
noch immer an dem Duft unsrer Leichen ersticken.
Hérault.
Wir stanken bei Lebzeiten schon hinlänglich. - Das sind Phrasen für
die Nachwelt, nicht wahr, Danton; uns gehn sie eigentlich nichts
an.
Camille.
Er zieht ein Gesicht, als solle es versteinern und von der Nachwelt
als Antike ausgegraben werden. Das verlohnt sich auch der Mühe,
Mäulchen zu machen und Rot aufzulegen und mit einem guten Akzent zu
sprechen; wir sollten einmal die Masken abnehmen, wir sähen dann, wie
in einem Zimmer mit Spiegeln, überall nur den einen uralten,
zahnlosen, unverwüstlichen Schafskopf, nichts mehr, nichts weniger.
Die Unterschiede sind so groß nicht, wir alle sind Schurken und Engel,
Dummköpfe und Genies, und zwar das alles in einem: die vier Dinge
finden Platz genug in dem nämlichen Körper, sie sind nicht so breit,
als man sich einbildet. Schlafen, Verdauen, Kinder machen - das
treiben alle; die übrigen Dinge sind nur Variationen aus verschiedenen
Tonarten über das nämliche Thema. Da braucht man sich auf die Zehen zu
stellen und Gesichter zu schneiden, da braucht man sich voreinander zu
genieren! Wir haben uns alle am nämlichen Tische krank gegessen und
haben Leibgrimmen; was haltet ihr euch die Servietten vor das Gesicht?
Schreit nur und greint, wie es euch ankommt! Schneidet nur keine so
tugendhafte und so witzige und so heroische und so geniale Grimassen,
wir kennen uns ja einander, spart euch die Mühe!
Hérault.
Ja, Camille, wir wollen uns beieinandersetzen und schreien; nichts
dummer, als die Lippen zusammenzupressen, wenn einem was weh tut. -
Griechen und Götter schrien, Römer und Stoiker machten die heroische
Fratze.
Danton.
Die einen waren so gut Epikureer wie die andern. Sie machten sich ein
ganz behagliches Selbstgefühl zurecht. Es ist nicht so übel, seine
Toga zu drapieren und sich umzusehen, ob man einen langen Schatten
wirft. Was sollen wir uns zerren? Ob wir uns nun Lorbeerblätter,
Rosenkränze oder Weinlaub vor die Scham binden oder das häßliche Ding
offen tragen und es uns von den Hunden lecken lassen?
Philippeau.
Meine Freunde, man braucht gerade nicht hoch über der Erde zu stehen,
um von all dem wirren Schwanken und Flimmern nichts mehr zu sehen und
die Augen von einigen großen, göttlichen Linien erfüllt zu haben. Es
gibt ein Ohr, für welches das Ineinanderschreien und der Zeter, die
uns betäuben, ein Strom von Harmonien sind.
Danton.
Aber wir sind die armen Musikanten und unsere Körper die Instrumente.
Sind denn die häßlichen Töne, welche auf ihnen herausgepfuscht werden,
nur da, um höher und höher dringend und endlich leise verhallend wie
ein wollüstiger Hauch in himmlischen Ohren zu sterben?
Hérault.
Sind wir wie Ferkel, die man für fürstliche Tafeln mit Ruten
totpeitscht, damit ihr Fleisch schmackhafter werde?
Danton.
Sind wir Kinder, die in den glühenden Molochsarmen dieser Welt
gebraten und mit Lichtstrahlen gekitzelt werden, damit die Götter sich
über ihr Lachen freuen?
Camille.
Ist denn der Äther mit seinen Goldaugen eine Schüssel mit Goldkarpfen,
die am Tisch der seligen Götter steht, und die seligen Götter lachen
ewig, und die Fische sterben ewig, und die Götter erfreuen sich ewig
am Farbenspiel des Todeskampfes?
Danton.
Die Welt ist das Chaos. Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott.
(Der Schließer tritt ein.)
Schließer.
Meine Herren, Sie können abfahren, die Wagen halten vor der Tür.
Philippeau.
Gute Nacht, meine Freunde! Legen wir ruhig die große Decke über uns,
worunter alle Herzen ausschlagen und alle Augen zufallen. (Sie umarmen
einander.)
Hérault. (nimmt Camilles Arm).
Freue dich, Camille, wir bekommen eine schöne Nacht. Die Wolken hängen
am stillen Abendhimmel wie ein ausglühender Olymp mit verbleichenden,
versinkenden Göttergestalten. (Sie gehen ab.)
Sechste Szene
Ein Zimmer
Julie.
Das Volk lief in den Gassen, jetzt ist alles still. Keinen Augenblick
möchte ich ihn warten lassen. (Sie zieht eine Phiole hervor.) Komm,
liebster Priester, dessen Amen uns zu Bette gehn macht. (Sie tritt ans
Fenster.) Es ist so hübsch, Abschied zu nehmen; ich habe die Türe nur
noch hinter mir zuzuziehen. (Sie trinkt.)
Man möchte immer so stehn. - Die Sonne ist hinunter; der Erde Züge
waren so scharf in ihrem Licht, doch jetzt ist ihr Gesicht so still
und ernst wie einer Sterbenden. - Wie schön das Abendlicht ihr um
Stirn und Wangen spielt. - Stets bleicher und bleicher wird sie, wie
eine Leiche treibt sie abwärts in der Flut des Äthers. Will denn kein
Arm sie bei den goldnen Locken fassen und aus dem Strom sie ziehen und
sie begraben?
Ich gehe leise. Ich küsse sie nicht, daß kein Hauch, kein Seufzer sie
aus dem Schlummer wecke. - Schlafe, schlafe! (Sie stirbt.)
Siebente Szene
Der Revolutionsplatz
Die Wagen kommen angefahren und halten vor der Guillotine. Männer und
Weiber singen und tanzen die Carmagnole. Die Gefangenen stimmen die
Marseillaise an.
Ein Weib (mit Kindern).
Platz! Platz! Die Kinder schreien, sie haben Hunger. Ich muß sie
zusehen machen, daß sie still sind. Platz!
Ein Weib.
He, Danton, du kannst jetzt mit den Würmern Unzucht treiben.
Eine andere.
Hérault, aus deinen hübschen Haaren laß ich mir eine Perücke machen.
Hérault.
Ich habe nicht Waldung genug für einen so abgeholzten Venusberg.
Camille.
Verfluchte Hexen! Ihr werdet noch schreien: »Ihr Berge, fallet auf
uns!«
Ein Weib.
Der Berg ist auf euch, oder ihr seid ihn vielmehr hinuntergefallen.
Danton (zu Camille).
Ruhig, mein Junge! Du hast dich heiser geschrien.
Camille (gibt dem Fuhrmann Geld).
Da, alter Charon, dein Karren ist ein guter Präsentierteller! - Meine
Herren, ich will mich zuerst servieren. Das ist ein klassisches
Gastmahl; wir liegen auf unsern Plätzen und verschütten etwas Blut als
Libation. Adieu, Danton! (Er besteigt das Blutgerüst, die Gefangnen
folgen ihm, einer nach dem andern. Danton steigt zuletzt hinauf.)
Lacroix (zu dem Volk).
Ihr tötet uns an dem Tage, wo ihr den Verstand verloren habt; ihr
werdet sie an dem töten, wo ihr ihn wiederbekommt.
Einige Stimmen.
Das war schon einmal da; wie langweilig!
Lacroix.
Die Tyrannen werden über unsern Gräbern den Hals brechen.
Hérault (zu Danton).
Er hält seine Leiche für ein Mistbeet der Freiheit.
Philippeau (auf dem Schafott).
Ich vergebe euch; ich wünsche, eure Todesstunde sei nicht bittrer als
die meinige.
Hérault.
Dacht' ich's doch! er muß sich noch einmal in den Busen greifen und
den Leuten da unten zeigen, daß er reine Wäsche hat.
Fabre.
Lebe wohl, Danton! Ich sterbe doppelt.
Danton.
Adieu, mein Freund! Die Guillotine ist der beste Arzt.
Hérault (will Danton umarmen).
Ach, Danton, ich bringe nicht einmal einen Spaß mehr heraus. Da ist's
Zeit. (Ein Henker stößt ihn zurück.)
Danton (zum Henker).
Willst du grausamer sein als der Tod? Kannst du verhindern, daß unsere
Köpfe sich auf dem Boden des Korbes küssen?
Achte Szene
Eine Straße
Lucile.
Es ist doch was wie Ernst darin. Ich will einmal nachdenken. Ich fange
an, so was zu begreifen.
Sterben - Sterben -! - Es darf ja alles leben, alles, die kleine Mücke
da, der Vogel. Warum denn er nicht? Der Strom des Lebens müßte
stocken, wenn nur der eine Tropfen verschüttet würde. Die Erde müßte
eine Wunde bekommen von dem Streich.
Es regt sich alles, die Uhren gehen, die Glocken schlagen, die Leute
laufen, das Wasser rinnt, und so alles weiter bis da, dahin - nein, es
darf nicht geschehen, nein, ich will mich auf den Boden setzen und
schreien, daß erschrocken alles stehn bleibt, alles stockt, sich
nichts mehr regt. (Sie setzt sich nieder, verhüllt sich die Augen und
stößt einen Schrei aus. Nach einer Pause erhebt sie sich:) Das hilft
nichts, da ist noch alles wie sonst; die Häuser, die Gasse, der Wind
geht, die Wolken ziehen. - Wir müssen's wohl leiden.
(Einige Weiber kommen die Gasse herunter.)
Erstes Weib.
Ein hübscher Mann, der Hérault!
Zweites Weib.
Wie er beim Konstitutionsfest so am Triumphbogen stand, da dacht' ich
so, der muß sich gut auf der Guillotine ausnehmen, dacht' ich. Das war
so 'ne Ahnung.
Drittes Weib.
Ja, man muß die Leute in allen Verhältnissen sehen; es ist recht gut,
daß das Sterben so öffentlich wird. (Sie geben vorbei.)
Lucile.
Mein Camille! Wo soll ich dich jetzt suchen?
Neunte Szene
Der Revolutionsplatz
Zwei Henker, an der Guillotine beschäftigt.
Erster Henker (steht auf der Guillotine und singt).
Und wann ich hame geh,
Scheint der Mond so scheh...
Zweiter Henker.
He, holla! Bist bald fertig?
Erster Henker.
Gleich, gleich! (Singt:)
Scheint in meines Ellervaters Fenster -
Kerl, wo bleibst so lang bei de Menscher?
So! Die Jacke her! (Sie gehn singend ab:)
Und wann ich hame geh,
Scheint der Mond so scheh...
Lucile (tritt auf und setzt sich auf die Stufen der Guillotine).
Ich setze mich auf deinen Schoß, du stiller Todesengel. (Sie singt:)
Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,
Hat Gewalt vom höchsten Gott.
Du liebe Wiege, die du meinen Camille in Schlaf gelullt, ihn unter
deinen Rosen erstickt hast. Du Totenglocke, die du ihn mit deiner
süßen Zunge zu Grabe sangst. (Sie singt:)
Viel Hunderttausend ungezählt,
Was nur unter die Sichel fällt.
(Eine Patrouille tritt auf.)
Ein Bürger.
He, wer da?
Lucile (sinnend und wie einen Entschluß fassend, plötzlich).
Es lebe der König!
Bürger.
Im Namen der Republik! (Sie wird von der Wache umringt und
weggeführt.)